Zum erfolgreichen Abschluss meines Studiums (Medienwirtschaft) muss ich an zwei Hauptseminaren teilnehmen. Dies ist die Geschichte der Einschreibung für eins davon.
Dienstag, 25. Januar 2005
15:45 Uhr
Ich verlasse eine Rechnungswesenvorlesung vorzeitig, um 16:00 Uhr im Ernst-Abbe-Zentrum Raum 2211 zu sein. Es geht um die Einschreibung für Hauptseminare in Europäischem Wirtschaftsrecht und Patentrecht.
15:57 Uhr
Nachdem ich mich durch Schnee und Eis gekämpft habe, komme ich tatsächlich noch rechtzeitig. Fast. Der Raum ist voll. Ganz hinten ist noch ein Platz frei, auf den mich eine Kommilitonin freundlicherweise hinweist. Ich habe zwar keinen Tisch aber wenigstens kann ich sitzen.
15:59 Uhr
Mehr Studenten treffen ein. Der Großteil der Anwesenden sind Medienwirtschaftler meines Jahrgangs. Der Rest sind ein paar Wirtschaftsingenieure. Noch mehr Studenten kommen. Längst sind auch die Fensterbänke besetzt und weitere Leute drängen sich in den Raum.
16:00 Uhr
Der Assistent des Professors kommt rein und ist sichtlich überrascht. Er hatte nicht mit so vielen Leuten gerechnet. Er erwähnt, dass der Besuch der Vorlesung Europäisches Wirtschaftsrecht (EWR) Voraussetzung für eine Einschreibung ist.
Der erste geht.
Ein Kommilitone meldet sich und fragt, ob dies auch für die Seminare in Patentrecht gilt. Der Assistent verneint und versucht den eben anscheinend deswegen gegangenen Studenten wieder zurückzurufen.
Kurz nach ihm erscheint der Professor. Auch er ist überrascht. Dass zwei von fünf Fachgebieten in unserem Studiengang geschlossen wurden und daher die Studenten verzweifelt nach anderen Möglichkeiten suchen um ihre Pflichtveranstaltungen abzuleisten, scheinen sie noch nicht zu wissen.
16:04 Uhr
Der Professor versucht die Stimmung aufzulockern, indem er sich darüber mokiert, dass einige Studenten dieser Uni ihr Studium in besonders kurzer Zeit abschliessen. Er verurteilt mehr oder minder ernsthaft die Studenten, die Arbeitsrecht und Zivilrecht 2 in einem Semester hinter sich bringen anstatt in zwei.
Keiner traut sich ihm zu sagen, dass im Raum wohl kaum einer in der Regelstudienzeit fertig wird und die Leute, die in beiden Vorlesungen gleichzeitg sitzen dies nur tun weil sie die Prüfung in früheren Semstern aus Zeitgründen nicht schreiben konnten.
Der Professor moniert, dass Studenten anscheinend mal eben über zehn Prüfungen in einem Semester schreiben, anstatt sich ordentlich in den Stoff einzuarbeiten und sich dafür Zeit zu nehmen.
Dass in unserer Studienordnung zum Beispiel für das dritte oder vierte Semester mindestens 12 Prüfungen Pflicht sind, traut sich ebenfalls keiner klarzustellen.
16:10 Uhr
Es gibt fünfzehn Seminarthemen für EWR und sechs für Patentrecht.
Über dreißig Studenten sind anwesend.
Es wird mehrfach nachgefragt, wer denn nun EWR und wer Patentrecht machen wolle.
Nach der ersten Nachfrage wollen vier Studenten Patentrecht machen - auch ich. Nach der zweiten sechs, nach der dritten sieben.
16:15 Uhr
Nachdem auch beim dritten Mal nachzählen klar wird, dass sich zuviele Studenten für zuwenig Themen bewerben, wird gefragt, ob sich denn schon jeder in die seit Wochen ausliegenden Listen eingetragen hat. Die Listen werden ausgegeben. Schweigend und möglichst unauffällig werden Stifte gezückt.
16:30 Uhr
Die Themen werden vorgestellt. Der Professor weist nocheinmal ausdrücklich darauf hin, dass eine Eintragung für ein Thema verbindlich ist. Er versucht mehr oder minder scherzhaft darauf hinzuweisen, dass er es satt habe, wenn Leute sich eintragen und sich dann später wieder austragen lassen. Er meint - sehr scherzhaft - er würde mit anderen Institutsleitern reden und diesen davon abraten, solche Studenten ihre Diplomarbeit bei ihnen schreiben zu lassen. Ein Kommilitone kann es sich nicht verkneifen gekünstelt zu lachen.
Der Professor erkundigt sich, was denn der Grund dafür sei.
Andere Studenten erklären ihm, dass wir momentan sowieso eine "Vorlaufzeit" von zwei Jahren für die Anmeldung für eine Diplomarbeit in einigen Fächern haben. Einer erwähnt, dass es 100 Bewerber für drei Plätze gäbe. Ein Mädchen meint, dass dies so sei, da es anscheinend nicht gewollt sei, dass Studenten bei Unternehmen ihre Diplomarbeit schreiben, da "das Know-How in der Uni" bleiben solle.
Der eben noch lachende Kommilitone erwähnt, dass unter diesen Umständen des Professors - scherzhafte - Drohnung nicht besonders ziehen würde, weil man ja sowieso kaum Chancen auf eine Diplomarbeit hätte … und bereut es anscheinend sofort.
16:35 Uhr
Ein Mädchen fragt, ob man sich für mehrere Themen melden sollte, um die Vergabe flexibler zu machen. Der Professor versteht sie anscheinend falsch und antwortet ihr etwas flapsig irgendetwas.
16:36 Uhr
Der Professor schlägt vor, dass man sich für mehrere Themen melden sollte, um die Vergabe etwas flexibler zu machen. Das Mädchen von eben stöhnt leise.
Sie hatte sich vorher schon für ein Thema eintragen lassen. Jetzt meldet sie sich zusätzlich noch für ein anderes. Der Professor antwortet ihr etwas flapsig, dass sie sich ja vorhin schon für ein anderes Thema eintragen ließ.
Das Mädchen stöhnt wieder leise. Sie fängt an mir leid sehr zu tun.
16:40 Uhr
Die Vergabe wird etwas ungeordnet. Ein Kommilitone schlägt vor, dass man doch einfach die "überschüssigen" Studenten heim schicken solle. Danach würde die Vergabe viel einfacher sein, weil sich so nicht jeder aus Angst keins zu erwischen für drei oder vier Themen meldet. Der Vorschlag wird nicht angenommen. Jedoch wird angeboten, dass diejenigen, die heute kein Thema bekommen, dann in einem Jahr auf jeden Fall einen sicheren Platz haben.
Keiner geht.
16:45 Uhr
Der Professor hat einen neuen Trick: er testet, ob die jeweilige Person auch Ahnung von dem Thema hat, für welches sie sich bewirbt. Mangelndes Improvisationstalent wird hier gnadenlos offengelegt. Einer Kommilitonin wird ein Thema verweigert, weil sie nicht genug Hintergrundwissen hat und das "Herzblut" des Professors daran hängt - obwohl es sonst niemand will.
16:50 Uhr
Dem Professor reichts und er vergibt jetzt willkürlich Themen, da keiner zurücktreten möchte. Frauen haben anscheinend etwas bessere Karten. Eine türkische Kommilitonin bekommt ein Thema welches die Türkei involviert. Ungekannte Konsequenz wird von 2 männlichen Kommilitonen gezeigt, als sie eine "das Thema oder eben nichts" Mentalität an den Tag legen. Beide gehen leer aus.
Der Professor erwähnt, dass der Vorschlag, dass leer ausgegangene Studenten im nächsten Jahr ein Thema bekommen ja nicht verbindlich ist. Sein Assistent weist ihn freundlicherweise darauf hin, dass er vorher doch schon sehr verbindlich war.
16:57 Uhr
Der Professor bricht die Vergabe ab nachdem alle EWR Themen vergeben wurden, da man schon über der Zeit sei und er bereits in einem anderen Seminar sein müsse. Man werde sich Anfang des nächsten Semesters nochmal treffen um die Herangehensweise an die Seminararbeiten zu erläutern.
16:58 Uhr
Ich lasse mich während alle packen und aus dem Raum stürmen bei dem verantwortlichen Mitarbeiter für mein Wunschthema bei Patentrecht eintragen indem ich ihm meinen Namen im Vorbeigehen nenne - vier Themen sind ausserdem noch frei.
17:12 Uhr
Ich komme zu spät zu meiner nächsten Vorlesung.
Sebastian für NY Blog